Aufruf linker Gruppen zur Kundgebung „Iraqi Freedom statt deutscher Frieden!“ am 20.03.04 in Frankfurt
Am 15. Februar letzten Jahres fanden weltweit
die größten Anti-Kriegs-Kundgebungen seit Ende des Vietnamkriegs statt.
Verschiedenste Strömungen und Bewegungen gingen gemeinsam auf die Straße, die
sich sonst nur unter dem Schlagwort der Globalisierung zusammenfanden. Formal
vereinte sie der Protest gegen den Krieg gegen das irakische Baath-Regime durch
die USA und ihre Verbündeten. Inhaltlich kam dieser Protest ohne verbindliche
Positionen aus. Weder aus einer Bewertung der Lage der irakischen Bevölkerung
noch aus politischen Analysen heraus entwickelte sich eine Argumentation, die
bei den Protesten weltweit oder auch nur in Deutschland als zentral hätte gelten
können. Maßgeblich darin wurde das antiamerikanische Ressentiment als
wesentliches und notwendiges Moment deutlich. Den deutschen Organisatoren der
großen Pace-Paraden - namentlich Attac und diverse lokale Berufsbewegte - war
freilich genau das ein Anliegen. Hätte doch jede ernsthafte Debatte über die
Situation im Irak zwangsläufig zu Widersprüchen geführt, die dem Ziel abträglich
gewesen wären: der Mobilisierung als Selbstzweck. So fanden Fakten nur dann eine
Wiedergabe, wenn sie sich in eine Argumentation gegen die USA einreihen ließen.
Politischen Nutzen für einen bestimmten Zweck - also jenseits von Agitation und
Propaganda, die einem solchen nur als Mittel dienen können - zog daraus
letztlich nur die Bundesregierung, dem von Kanzler Schröder ausgerufenen
deutschen Weg verpflichtet.
Ein Jahr später scheint der Krieg fast länger her als die Proteste dagegen. Die
Situation im Irak lässt mittlerweile eigentlich selbst der Friedensbewegung nur
noch wenig Raum für Projektionen, weshalb sie sich ihrer Kenntnisnahme einfach
verweigert. Als Projektionen stehen die Horrormärchen von Massakern an der
Zivilbevölkerung oder vom Raub des irakischen Öls nun jedenfalls da, wo sie
nicht mehr als notwendige Spekulationen ob der vermeintlich schlechten
Informationslage gerechtfertigt werden können. Wer sich informieren will, kann
das mittlerweile tun, wenn auch zahlreiche deutsche Medien (Tagesschau, Taz,
junge Welt...) dafür immer noch ungeeignet sind. Die Feststellung, dass eine
historische Verbesserung stattgefunden hat, ist unvermeidbar. Ob es nun die
tatsächliche Entmachtung der Baath - Eliten ist, der Aufbau der Infrastruktur
oder die Demokratisierung des Landes, nichts davon wäre ohne den Krieg auch nur
vorstellbar gewesen. Dieser Umstand ist die konkrete Bestätigung dafür, dass der
Krieg ebenso richtig war wie das Eintreten dafür. Kriegsgegner, die angesichts
der derzeitigen Lage jede abstrakte Argumentation gegen die USA fallen lassen,
finden sich allerdings offenbar nur außerhalb Europas, z.B. im Iran - etwa die
Arbeiterkommunistische Partei Irans. Die von diesen getroffene Feststellung,
dass die Besatzung des Irak auf absehbare Zeit eine unbedingte Notwendigkeit
darstellt, benötigt für den Nachweis ihrer Evidenz nichts weiter als den Verweis
auf die Realität.
Genau diese Erkenntnis nicht zuzulassen, ist nun allerdings Programm nahezu
aller Antikriegsbewegten. Die meisten hüllen sich einfach in Schweigen und gehen
zum jeweiligen Tagesgeschäft über. Einige, und nicht wenige, führen die
Programmatik der Antikriegsbewegung allerdings umso trotziger weiter. Denn die
erklärte Feindschaft zu den USA voraussetzungslos zum Ausgangspunkt zu machen,
verlangt mittlerweile nach etwas deftigeren Vorgehensweisen. Prominentester
Ausdruck davon ist die Kampagne "10 Euro für den irakischen Widerstand".
Auf die Initiative der berüchtigten Antiimperialistischen Koordination Wien (AIK)
sammeln sich diejenigen, denen die Friedenskundgebungen nicht renitent genug
waren. Wenn es um den Kampf gegen die USA und ihre Verbündeten geht, ist, so
lässt sich aus dem Unterstützungsaufruf schließen, jedes Mittel und jeder
Bündnispartner nicht nur recht, sondern auch geboten. Dass sich dabei die
irakische Bevölkerung nur als "Volk", als Zwangskollektiv wiederfindet, spiegelt
Wunsch und Weltanschauung der terroristischen Besatzungsgegner wie ihrer
Unterstützer gleichermaßen wider.
Die Rolle letzterer als Scharfmacher ist allerdings nicht mehr so gefragt wie
noch vor einem Jahr. Eine am 11. Dezember letzten Jahres ausgestrahlte Sendung
von Panorama, die offene Symphatie einiger Teilnehmer des "Friedensratschlages
2003" für "auch militärischen Widerstand" an die Öffentlichkeit brachte, sorgte
für Aufregung und - das muss der Ernstfall sein - Abgrenzung. Es lohnt sich, der
entsprechenden Debatte ein wenig Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Anhand der
jüngsten Friedensbewegung wird der Charakter aktueller linker Politik geradezu
beispielhaft deutlich.
Im Voraus hinterhergehinkt - neuer Zweck in alten Debatten
Joachim Guilliard, Sprecher des Antikriegsforums Heidelberg, erklärte in
besagter Sendung: "Ich denke, die Friedensbewegung sollte genau für dieses [Widerstands-]Recht
der Iraker eintreten, und was die Iraker tun können, was ich auch für vernünftig
halte, ist, den Besatzungstruppen entsprechende Verluste zuzuführen". Dieser
Verstoß gegen das pazifistische Gebot rief, unter dem Titel "Widerstand ja -
aber gewaltfrei" die folgende Entgegnung der "Deutschen
Friedensgesellschaft-Vereinigte KriegsgegnerInnen" (DFG-VK) via Presseerklärung
hervor: ""Wollen wir unserer Zielvorstellung einer Welt ohne Waffen und Armeen
nahe kommen, so müssen wir deren Einsatz in jeglicher Form konsequent ablehnen
und die zivile Konfliktbearbeitung unterstützen. Gerade deshalb sei die massive
Kritik der Friedensbewegung an der US-Politik gegenüber dem Irak berechtigt", so
der DFG-VK-Sprecher."" Weiter beruft sich der besagter Sprecher auf die
Tradition von Martin Luther-King und Mahatma Ghandi, Guilliard stellt dem in
seiner Antwort die Tradition von Rosa Luxemburg und Clara Zetkin als
friedensmäßig gleichberechtigt entgegen. Wer die alte Tante Friedensbewegung,
das weiche Wasser der 80er-Jahre-Ostermärsche, noch in Erinnerung hat, kann sich
den Frontverlauf jetzt ausreichend vorstellen.
Seinerzeit fand sich in der großen deutschen Angstbewegung eine bunte Mischung
von mehr oder weniger moskautreuen Leninisten und mehr oder weniger christlich
inspirierten Pazifisten. Erstere betrachteten ihr Engagement als strategisch
sinnvollen Zug zugunsten der damals noch existierenden Sowjetunion, gegen
Rüstung an sich hatten sie schwerlich etwas einzuwenden. Das hatten die
Pazifisten zwar schon, aber auch sie erkannten in den USA die Quelle der
Aggression, Triebkraft der "Gewaltspirale". Der von Moskau ausgegebene
Kampfbegriff des "Imperialismus", schon damals beträchtlich schillernd, bot
beiden den benötigten Spielraum für den noch nötigen inhaltlichen Kompromiss.
Bis heute hat sich offenbar an den Konfliktlinien innerhalb der Friedensbewegung
nichts geändert, ganz im Gegensatz zu denen im Rest der Welt. Insbesondere
Guilliard befleißigt sich munter historischer Analogien, erkennt "wenig Grund
zur Hoffnung, dass sie USA im Irak zimperlicher sein werden, als in Vietnam".
Dass die immer schon äußerst dürftigen analytischen Instrumente der
Friedensbewegung mit Ende der historischen Konstellation des Kalten Krieges ihre
Zugkraft vollends verloren haben, mag ihm nun wahrlich nicht einleuchten. Die
deutsche Wiedervereinigung, der Zusammenbruch der Sowjetunion, der
Jugoslawien-Krieg, der 11. September: All das scheint einfach nicht
stattgefunden zu haben in der Welt dieser friedensbewegten Streithähne. Deren
Wahnvorstellung von der Motivation der USA hat nur noch wenig mit der
Außenpolitik der realen Vereinigten Staaten zu tun, die den Kalten Krieg
durchaus vom "War on Terror" unterscheiden kann.
Der Streit um längst anachronistisch gewordene Positionen lenkt dabei von der
entscheidenden Gemeinsamkeit ab. Umstritten ist nur die Art und Weise, wie gegen
die USA vorzugehen sei - gewaltfrei oder eben mit Waffen. Das Warum steht gar
nicht erst zur Debatte. Entsprechend dogmatisch und abstrakt lesen sich die
Stellungnahmen. Der Irak selbst kommt höchstens anhand von Beispielen für guten
oder schlechten Widerstand zur Sprache - anders denn als widerständiges Volk
wird die dortige Bevölkerung gar nicht erst wahrgenommen.
Zwei Vertreter marginaler restlinker Strömungssplitter wetteifern darum, wer der
größere, zumindest der überzeugtere Gegner der USA ist, ob sie mit den Chiffren
"Imperialismus" oder "Kriegslogik" vernichtender getroffen werden. Weder durch
ein konkretes Ziel noch eine gemeinsame Überzeugung verbunden, simulieren beide
gleichermaßen sich selbst und allen Anderen ihre Existenz als selbstständige
Bewegung. Der Gegenstand dient dabei nur noch als Anlass, um sich gegenseitig
des einen gemeinsamen Feindbildes zu versichern. Das Ganze wäre lächerlich, wenn
es nicht so wirkungsvoll wäre.
Das Feindbild USA als kleinster und - neben dem Hass auf Israel - einziger
gemeinsamer Nenner ist das Ticket, auf dem mittlerweile eine ganz neue "Bewegung
der Bewegungen" fährt. Nach bisher üblichen Kriterien kaum zu kategorisieren,
ist sie historisch aus Antiglobalisierungs- und Friedensbewegung hervorgegangen.
Sie verbindet die beiden Haufen, die schon vorher, oft genug in Personalunion,
stets die mobilisierte Masse zum Ausgangspunkt jeder Agitation machten. Standen
die Mobilisierungswellen der letzten Jahre faktisch unter der Dominanz der
sogenannten Globalisierungskritik von Attac, vertreten sie spätestens seit dem
Irakkrieg inhaltlich und programmatisch gar nichts mehr. Strukturell ein großes
Bündnis von allen mit jedem, können sich hier alle einreihen, die beim nächsten
mal einfach nur dabei sein wollen. Ganz gleich ob sie einen als Antirassismus
verbrämten Kulturrelativismus pushen oder den USA die Sache mit dem
Kyoto-Protokoll übelnehmen, ob sie die imaginierte Weltverschwörung von
Ostküste, Skull&Bones und Israel zu bekämpfen angetreten sind oder ausgerechnet
Bruder Johannes Rau für einen neoliberalen Scharfmacher halten: In der "Bewegung
der Bewegungen" haben sie alle ihren Platz. Alle erzählen ihre je eigene
Geschichte von der Welt und ihren drängendsten Problemen, um den dabei eventuell
noch behandelten Inhalt unter das große Feindbild zu subsumieren und schließlich
aufzugeben.
Der zutiefst postmoderne Bewegungsbrei, der in diesem ständigen Crossover der
zahllosen Bezüge aufeinander entsteht, muss von der Bundesregierung denn auch
nicht erst vereinnahmt werden. Die Bewegung, nennen wir sie den Global-Peace-Mob,
ist ihr immer schon einen Schritt voraus.
Wider das große Miteinander!
Das Verhältnis von besagter Bewegung zur Regierung ist als unausgesprochenes
Bündnis wohl am besten beschrieben. Die Scharnierfunktion zwischen Basis und
politischer Umsetzung durch den Staat fällt dabei dem "Globalisierungskritischen
Netzwerk Attac" zu, das aus dem Wust der Verlautbarungen von der "Basis" die
gerade sinnfällig erscheinenden als konstruktive Vorschläge nach oben
weiterreicht und ihr gleichzeitig den notwendigen organisatorischen
Mindestzusammenhalt liefert, um nicht wieder auseinander zu fallen. Die dabei
geleistete Vermittlungsarbeit dürfte immer noch gehörig sein, schließlich müssen
neben diversen Querfront-Grüppchen und Einzelpersonen immer wieder auch offen
rechts auftretende Organisationen wie etwa letztes Jahr das BFF (Bündnis für
Frankfurt) integriert werden.
Wesentlich für solches Treiben ist natürlich auch, die zu weit Vorpreschenden im
Zaum zu halten. Oben genannter Joachim Guilliard war so ein Fall. Dabei können
sich solche auf renitent machende Vorturner sicher sein, dass sie ihre Rolle als
Schrittmacher wieder einnehmen dürfen, wenn es in den Kram passt. Weder Attac
noch die DFG-VK oder der Bundesausschuss des Friedensratschlag e.V. waren sich
vor dem Krieg (November 02 in Berlin) zu fein für eine Veranstaltung mit einem
führenden Mitglied der Baath-Partei, die sie von Möllemanns deutsch-arabischer
Gesellschaft unterstützen ließen.
Wenn wir zu einer Demonstration in Frankfurt aufrufen, dann ist klar, dass sich
der Global-Peace-Mob, wie die anderen Teile der antisemitischen Internationale
auch, nicht mit rationalen Argumenten bekämpfen lässt. Keine Äußerung, die nicht
als vereinzelt abgetan werden könnte, keine organisatorische Zelle, die keine
Differenz zu den "Anderen" aufzuweisen hätte, dieses oder jenes nicht auch "ganz
schlimm" fände. Und, natürlich, alle (außer den Nazis) sind sie links.
Umso wichtiger ist es jetzt, die selbstverständliche Solidarität unter Linken
unmissverständlich aufzukündigen. Wer jetzt das Mitmachen auf dem Markt der
Mobilisierungen zu widerständiger Politik erklärt, verrät nicht nur alles, was
an irgend einem Ansatz je emanzipatorisches Potential hätte versprechen können,
sondern die Bedingung der Möglichkeit von Widerstand schlechthin. Wenn die
Bereitschaft zum Mitmachen zur ersten Voraussetzung wird, ist Kritik verloren.
Man möchte fast wünschen, dass es diejenigen noch gäbe, denen ein erklärtes
Ziel, wie es sich im Klassenkampf, im Antirassismus oder auch nur dem leidigen
Pazifismus fand, noch wichtig genug wäre, um sie vor dem Sog des
Global-Peace-Mobs zu bewahren. Aber zu solcher Existenz als hartleibige
leicht-Verrückte findet sich offenbar niemand mehr bereit.
Zu sagen bleibt, dass wir diesem großen Miteinander unsere klare Absage erteilen
und nicht aufhören werden, es zu bekämpfen. Dass wir uns damit faktisch auf der
Seite derjenigen befinden, die im Rahmen des letzten Golfkrieges zu den Feinden
der Welt erklärt wurden, namentlich den USA und Israel, begrüßen wir dabei
ausdrücklich.
In diesem Sinne:
Lang lebe Israel!
Den Global-Peace-Mob bekämpfen!
Freedom statt Frieden!