Frankfurter Zustände: Die FH und der Kampf gegen das Böse

Der Vorlauf

März 2003: Irakkrieg. „Stoppt Bushs Krieg! Freiheit für Palästina! Stoppt den Rassismus!“1 Wie in jeder friedliebenden Stadt Deutschlands, fanden sich auch in Frankfurt besonders motivierte Leute zusammen, die ihren Unmut gegenüber den „amerikanischen Kriegstreibern“ demonstrativ zum Ausdruck brachten. So rüsteten die Studenten, insbesondere des Fachbereiches Sozialwesen, an der Fachhochschule in Frankfurt zum Wettlauf gegen den imaginierten Massenmord am irakischen Volk. Was die Studenten in diesen Tagen wechselseitiger Anerkennung allein störte, war die Flagge des Staates Israel, die von einem AStA-Referenten kurzzeitig aus dem Fenster des AStA-Gebäudes gehängt wurde. Fortan diente die blau-weiße Fahne den Friedenspropagandisten dazu, Mitglieder des AStA zu bedrohen: „Dafür wirst Du zahlen!“, so einer der aufgebrachten Studenten. Ein anderer ging zur Praxis über, indem er einem AStA-Mitglied ein Flugblatt, auf dem Kritisches über die Friedensbewegung zu lesen war, ins Gesicht drückte. Studentische Vollversammlungen zu drohenden Studiengebühren boten unterdessen einem an der FH lehrenden Professor das Podium, den AStA als einen zu stürzenden „Fascho-AStA“ und einzelne Referenten unter dem Beifall anwesender Studierender als „Nazis“ und „Rassisten“ zu bezeichnen. Der beliebte Frankfurter Polit-Pfaffe H.C. Stoodt ließ über eine Attac-Mailingliste verlauten, die „tapferen antideutschen AStA- Aktivisten“ sammelten Gelder, um „`Waffen für Israel` zu kaufen, als ob es in den dortigen Regierungen der vergangenen Jahre nicht an (…) Waffen gemangelt hätte“. Herr Stoodt überschätzt den praktischen Handlungsspielraum einer Studierendenvertretung, liegt der Sache nach aber nicht ganz falsch. Denn was den Frankfurter AStA stets auszeichnete, war die Parteinahme für Israel, die nicht klammheimlich, sondern ab und an ganz offen gezeigt wurde. Immer wieder unterstützte der AStA Veranstaltungen zum Zwecke politischer Bildung und Aufklärung, die eben auch dem Zwecke geschuldet waren, antizionistischen Antisemitismus als solchen zu benennen. Damit hob man sich erfreulicherweise nicht nur vom Frankfurter Studentenmilieu entschieden ab.


Von Nazis und anderen Scheußlichkeiten

Der Aufschrei war groß, nachdem ein Kommilitone durch ein Flugblatt als Neonazi „geoutet“ wurde. Vollkommen unbehelligt konnte dieser sein Studium bis zur Diplomarbeit durchführen. Nach Bekanntmachung des „Skandals“ galt es nun, kollektive Empörung zu demonstrieren. Eine Resolution jagte die Nächste, die nächste Erklärung die nächste Stellungnahme2. Unterschriften sammeln hatte höchste Priorität. Gut zu sehen, wie die FH-internen Antifa-Aktivisten zwar das nazistisch auftretende Subjekt thematisierten, jedoch keineswegs Interesse an einer Kritik antisemitischer und völkischer Ideologie erkennen ließen. Wichtig schien, die „Feinde der Demokratie“2 zur Raison zu bringen, einen größeren Imageschaden (Medien berichteten weit über Frankfurt hinaus) von der FH abzuwenden und, wo es die soziale Wärme im Mikrokosmos verlangt, einen Störenfried zu überführen. Wo es, wie hier, besonders sozialarbeiterisch, alternativ und beschränkt zugeht, heißt es dann folgerichtig und standortbewusst: “Mag ein „Rechtsextremer“ irgendwo irgendetwas studieren, aber nicht Sozialarbeit an unserem Fachbereich!“2 Diese, bestenfalls unglücklich formulierte Abwehr des Problems, mit einem Neonazi konfrontiert zu sein, steht exemplarisch für den Umgang mit neonazistischer Ideologie, die, wenn sie einmal ohne Arier-Tätowierung auftritt, nicht mehr erkannt werden will. Antisemitismus als faden Beigeschmack, im viel umworbenen „Kampf gegen soziale Ungleichheit und Unterdrückung“, zu akzeptieren, ist längst unhinterfragte Realität. Auf einer Seminarveranstaltung zum Thema „Antisemitismus“ führten einige der künftigen Sozialarbeiter idealtypisch vor, wie demokratischer Antisemitismus unter eingeschworenen Gutmenschen funktioniert. Angefangen bei der alten Leier, der `Zentralrat` schaffe es, all seine Kritiker - als Beispiel wurde hier Möllemann (!) angeführt - mundtot zu machen, hin zum bekannten Vorwurf an „die Herren Friedman“ und „Sharon“, durch ihre „arrogante“ und „großkotzige Art“, der Judenfeindschaft Vorschub zu leisten. Auch sei es „einfach nur unverständlich, warum gerade die Juden das gleiche mit den Palästinensern machen, wie früher die Nazis mit ihnen“ – das kennt, wer die Deutschen kennt. Selbst die seminarleitende Professorin sah keinen Handlungsbedarf, sondern verzichtete ganz antiautoritär auf eine (kritische) Intervention. Einer der geladenen Gastreferenten, der Publizist Matthias Küntzel, bezeichnete diese Veranstaltung als „Scheinveranstaltung gegen den Antisemitismus, die das Wellness-Gefühl beim Austausch deutscher Ressentiments nicht in Frage stellte, sondern bestätigte.“ Sein Vortrag zu Islamismus und Antisemitismus erntete keinen Beifall, sondern wurde als "die eine extreme Seite in diesem komplexen Thema" angesehen. Man müsse doch beide Seiten verstehen und könne nicht einseitig Partei ergreifen, hieß es. Wohin dies im schlechtesten Fall führen kann, verdeutlichte eine Veranstaltung zum Nah-Ost Konflikt, bei der man den anwesenden Kritikern des Verständnisgebrabbels vorschlug, über die „Vor- und Nachteile des Antisemitismus“ zu diskutieren.

 

Studenten des Sozialwesens
Es scheint im Wesen bzw. in der Tradition der Sozialarbeits-Sache zu liegen, immer ein bisschen moralischer und korrekter daherkommen zu müssen als der Rest. Die sozialarbeiterische Handlungsgrundlage basiert auf dem staatlichen Auftrag, dort, wo soziale Konflikte drohen, „Therapie“ oder „Gemeinsinn“ zu verordnen. Die Aufgabe professioneller Sozialarbeit besteht, anders als bei den polizeilichen Ordnungshütern, darin, die Abtrünnigen und Abweichenden mit Hilfe „sanfter“ Ideologie zu reintegrieren. Die moralisierte Verinnerlichung des Staates, der als Bote ausgleichender Gerechtigkeit wahrgenommen wird, ist somit die berufsbiographische Grundvoraussetzung eines „guten“ Sozialarbeiters. Wer dem heimischen Gemeinwesen derart verbunden ist, wie die deutsche Staatslinke, der macht sich folgerichtig und oft ohne es zu merken, zum Träger nationaler Machtpolitik. Diese richtet sich derzeit in Deutschland zuförderst gegen die USA. Während auf der Politebene aufgrund ökonomischer Unterlegenheit gegenüber den Vereinigten Staaten noch zaghaft taktiert wird, spricht man in Räumen wie dem des FH-eigenen „Cafe Profitratte“ eine deutlichere Sprache. Vor allem dann, wenn von „amerikanischer Kriegstreiberpolitik“ die Rede ist oder man eine „Amerikanisierung“ heraufbeschwört.

 

Der Abgang

Während der Vollversammlung im Juni 2005 wurde der AStA, der sich weigerte mit diesen ideologisierten Studenten gemeinsame Sache zu machen, unter Verdacht gestellt, die studentischen Wahlen manipulieren zu wollen. Auch die alten Vorwürfe der Veruntreuung studentischer Gelder wurden aufgewärmt. Die dann folgenden Wahlen verliefen zu Ungunsten der bisherigen AStA-Besetzung. Die „Aktive Opposition“, wie sich der Zusammenschluss aller Oppositionslisten nannte, hat ihr übergeordnetes Ziel, den AStA abzuwählen, erreicht. Dass die Sozialarbeitsantifa nun auch gegen zwei der neuen AStA-Referenten mobilisieren wird, die keinen Hehl aus ihren Sympathien für die faschistische MHP (Graue Wölfe) machten, dürfte zu bezweifeln sein. Denn der sozialarbeiterische Multikulturalismus kennt keine faschistischen Subjekte fernab der Glatzenkategorie, sondern bloß Völker und Ethnien und die sind bekanntermaßen nur eines: Opfer der amerikanischen oder wahlweise israelischen Hegemonie. Die Untätigkeit gegenüber den türkischfühlenden Freunden des Faschismus wird von Mitgliedern koalierender Listen damit begründet, dass es sich hier „lediglich...“ um „...türkische Patrioten“ handele. Wie auch immer, nun ist er weg, der alte AStA. „Endlich“ werden einige sagen; nicht zuletzt diejenigen, die ihm und seiner Arbeit das traditionsreiche Prädikat „Juden-AStA“ verpasst haben.

 

 

1 So lautete die Überschrift eines Flugblattes der „Initiative von Kriegsgegnern an der FH Frankfurt“ kurz nach Beginn des Irak-Krieges.

 

2 Frankfurter Fachhochschulzeitung Nr. 93