Podiumsdiskussion: „Israelsolidarität und die Verteidigung bürgerlicher

Vernunft und Freiheit“.

Mit Hannes Stein (Berlin), Matthias Künzel (Hamburg), Ulrich Sahm (Jerusalem) und Sören Pünjer (Berlin). Moderation: Thomas v.d. Osten-Sacken (Frankfurt).

 

Desöfteren ist derzeit unter Freunden des Staates Israel von westlichen Werten die Rede, die eine universelle verbreitungs- und verteidigungswürdige Freiheit des Einzelnen als Ideal verkörperten. Im Angesicht des grassierenden antiliberalen und antiwestlichen Ressentiments in Europa, das den Schulterschluß mit den Djihadisten zur Folge hat, ergibt sich für etliche um so mehr die Notwendigkeit, die Verteidigung und Verbreitung westlicher Werte in den Mittelpunkt zu rücken. Ausgegangen wird dabei von der Einsicht, daß antiwestlicher Hass, sei es islamischer oder globalisierungskritischer, mit einem Bekenntnis zu westlichen Werten beantwortet werden müsse. Denn nur die westlichen Werte stünden für das, was man verteidigen muß: die Freiheit des Individuums, die Gleichstellung der Geschlechter, die bürgerlichen Verkehrsformen, die Freiheit des Wortes, das Recht auf Privatheit des Einzelnen, den Laizismus bzw. Säkularismus. Diese humanistischen und damit universell gültigen Maßstäbe zur Bestimmung von Unfreiheit geraten aber gerade dann, wenn sie zu Werten, zumal dezidiert westlichen, gemacht werden in einen hausgemachten Widerspruch zu ihrer universellen Gültigkeit: sie werden gerade ihrer universellen Gültigkeit beraubt und damit partikularisiert, weil man sie als die Werte des Westens anpreist statt sie für global gültig zu erklären. Die ungewollte Folge eines solchen selbstverschuldeten Widerspruches ist, daß ein Regime change beispielsweise im Iran nur dann einer im Sinne universeller Freiheit wäre, wenn er zugleich als Export westlicher Werte propagiert und akzeptiert wird, obwohl er gar kein Westimport ist, sondern eine universelle Angelegenheit im Namen menschlicher Freiheit. Gerade weil es gegen den Islam nicht um die Durchsetzung einer Freiheit an sich geht, sondern um die Bekämpfung der Unfreiheit, die sich mit der Erobererreligion unzweifelhaft verbindet, kann es auch nicht um die Einführung westlicher Werte und Normen gehen. Der globale Hass auf den Westen darf nicht das Bekenntnis zu westlichen Werten zur Antwort haben, sondern die Bekämpfung dessen, was mit dem Hass auf den Westen gemeint ist: die Ablehnung von individueller Freiheit, die Herstellung von Zwangskollektivität, die Entmündigung des Subjekts, die Abschaffung des Zweifels, die Herstellung von Ungleichheit zwischen Mann und Frau. Die Bekämpfung der Unfreiheit ist deshalb in erster Linie nicht ein Kampf für, sondern gegen etwas. So ist auch nicht zu propagieren, daß der Islam mit westlichen Werten generell unvereinbar sei, sondern darauf zu beharren, daß er sich aller Elemente zu entledigen hat, die die Unfreiheit des Einzelnen legitimieren. Bekämpfung der Unfreiheit bedeutet ex negativo die Herstellung von Bedingungen, unter denen sich verantwortlich handelnde Subjekte konstituieren können. Ein Appell an Werte steht dem immer entgegen, weil er statt individueller Verantwortung des Einzelnen das Bekenntnis zu einer Gesinnung befördert. Es kann demzufolge nicht um die Durchsetzung als richtig propagierter Werte gehen, sondern um die Erkenntnis und Abschaffung falscher. Genauso wie Freiheit und Emanzipation kann Aufklärung, richtig verstanden, nie Selbstzweck sein, sondern immer nur Aufklärung über etwas bzw. Freiheit und Emanzipation von etwas. Mit den Worten Horkheimers: „Das Schlechte abschaffen ist menschlicher als das Gute suchen“.

 

Samstag, 5. März 2005, 20.00 Uhr

In der Aula Bau, Gebäude 1 der Fachhochschule Frankfurt, Nibelungenplatz 1